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Donnerstag, 28. August 2014

Der Wiederaufstieg

Die Zugehfrau Melitta Z. bezeichnete es im Nachhinein bitter als gewagtes Experiment, etwas Ernstes in humoristischer Form verarbeiten zu wollen, nachdem ihr der so reichhaltig gefüllte Putzeimer in der ersten Etage des eleganten Vorderhauses einer Mietskaserne entglitten war und sich daraufhin mitsamt Inhalt blechern polternd über den zuvor makellosen Stresemann des ahnungslos auf dem Trottoir flanierenden Kommerzienrats Wilhelm F. ergossen hatte. Die Herrschaften des Hauses zeigten später leider keinerlei Verständnis für die Eloquenz der so gerühmten Berliner Schnauze, mit welcher Fräulein Z. das Geschehene ohne Umschweife gegenüber den ebenfalls passierenden Gassenjungen kommentiert hatte, während der Begossene sich nach einem kurzen Moment des Erschreckens lauthals zu echauffieren begann.
Einen derartigen Versuch wollen wir heute ebenfalls wagen, um im Rahmen einer Retrospektive ein zweifelhaftes und gleichsam rätselbehaftetes Werk zu betrachten.

<Fanfaren>

Die Kunstgalerie Wekeln präsentiert: 100 Meisterwerke.
Heute: "Der Wiederaufstieg", Heimstofffarben auf Holz, völkisch-naiv, Deutsches Reich 1934.



<Avantgardistische Klaviermusik>

Ein altes Fachwerkhaus - gelegen im idyllischen Zentrum einer beschaulichen ostwestfälischen Kleinstadt - musste den Künstlern des Graffitos "Der Wiederaufstieg" als Leinwand dienen; die beiden Brüder Friedrich und Heinrich K. etablierten sich damit als Vorläufer der modernen Bewegung von Adoleszenten, welche die kargen Außenwände unserer Behausungen unentgeltlich mit willkommenen Motiven verzieren, deren Botschaften - "H.M.S.", "Ultra Karges Loch" oder auch "Thomas P. suckz" - zu dechiffrieren den Betrachter vor Aufgaben stellt, die sich in ihrer Undurchdringlichkeit nur mit den steinernen Relikten der einst auf den fernen Osterinseln lebenden Einwohner messen können. Rätsel dieses Schlags birgt auch das Graffito der Gebrüder.
"Umgebaut 1934..."
So verkündet stolz das Werk. Eine Information, die in ihrer präzisen Knappheit geradezu auf den Leser hereinstürmt, ihn besticht und gekonnt in den Bann zieht. Hätte die Botschaft des Werks, dessen äußere Gestalt mit den Worten "Fraktur in güldenen Lettern auf karminrotem Putz" schnell beschrieben ist, an dieser Stelle - womöglich ergänzt um die Signatur der Brüder - ein schnelles Ende gefunden, so wäre ein zeitgenössischer Betrachter, dankbar um eine so derart wichtige Information wie dem Jahr der nicht näher spezifizierten Baumaßnahmen bereichert, verwundert von dannen gezogen, um sich möglicherweise in der Hinterstube eines nahegelegenen Wirtshauses konspirativ mit gleichgesonnenen Widerständlern zu treffen. Doch Friedrich und Heinrich K. hatten mehr im Sinn, als sie ihr Werk schufen:
"15 Jahre nach dem Kriege..." 
Ungleich schwerer als dem modernen Besucher der Ausstellungsstätte, welcher stets seinen mit Omniszienz gesegneten mobilen Telefonapparat mit sich führt, muss es Lesern der damaligen Zeit gefallen sein, diese Chiffre zu entschlüsseln. Die zu diesem Zweck einsetzbaren mechanischen Rechenmaschinen aus Braunschweig waren ihren modernen elektronischen Äquivalenten - obgleich kühn als Gehirne aus Stahl offeriert - oftmals unterlegen; und eine Berechnung will an dieser Stelle angestellt sein: "15 Jahre nach dem Kriege" - der kundige Betrachter wird mit den ersten rätselhaften Worten des Werks eingeladen, es Carl Friedrich Gauß und Adam Riese gleichzutun, um den Zeitraum des 1934 stattgefundenen Umbaus mittels Addition weiter einzugrenzen. 15 Jahre nach dem Waffenstillstand von Compiègne muss er stattgefunden haben, somit zwischen dem 18. November 1933 und dem 17. November 1934, wie der Pennäler Hugo S. - eifrig den Leistungskurs Geschichte des humanistischen Gymnasiums besuchend - unserem Exkurs freudig beizusteuern weiß. Letzten Endes bleibt dem Betrachter angesichts des dürftigen Resultats nur die bestürzte Erkenntnis, dass der Hinweis auf das Ende des Krieges redundant ist, und somit womöglich obskurer Bestandteil einer subtileren Botschaft der Künstler.
"...und im 2. Jahre des großen Wiederaufstiegs..."
Das zentrale Thema des Werks ist nun endlich erreicht und verspricht Klarheit in die noch offene Frage der Intention zu bringen. Es wird ein großer Wiederaufstieg beschrieben, welcher weniger als zwei Jahre zuvor begann. Das Elektronenhirn leistet Hilfestellung, kalkuliert in flotter Subtraktion in Bits und Bytes, um mit einem fröhlichem Pling das Ergebnis auszuspucken:
1934 - 1 = 1933
Der Beginn des Wiederaufstiegs wird somit auf das zunächst so ereignislos scheinende Jahr 1933 festgelegt. Dies macht den Versuch, die Natur des Prozesses "Wiederaufstieg" festzulegen, keinesfalls einfacher. Was passierte im Jahre 1933 an der schönen Weser, welches einer solchen Umschreibung würdig gewesen wäre? Entsann sich nicht gerade in diesem Jahre der Böttchergeselle Erwin K. zum ungeschickten Umgang mit den Seilen eines im Zuge von Propagandamaßnahmen eingesetzten Fesselballons, welcher zu einem tragischen Unfall im Laufe des nun so unerwartet eintretenden Wiederaufstiegs des zuvor auf dem Marktplatz vermeintlich sicher verzurrten Ballons, besetzt durch die angetrunkene lokale Parteispitze, führte?

Solcherlei Überlegungen erscheinen an dieser Stelle wenig zielführend. Der Wiederaufstieg wird als ein seit beinahe zwei Jahren währender Prozess beschrieben, zudem handelt es um einen betont "großen Wiederaufstieg", möglicherweise bewusst unter Missachtung geltender Regeln mit einem zweifachen runden s anstatt zweifachem langen s geschrieben; er ist somit nicht zu verwechseln mit dem weitläufig bekannten "kleinen Wiederaufstieg", wie ihn beispielsweise Rentnerin Berta G. oft auf ihrem hölzernen Küchentritt auszuüben pflegt, um die penibel markierten und mit rotem Gummiband bewehrten Weckgläser mit eingemachter Schlehenmarmelade auf das oberste Bord der Speisekammer befördern zu können.

<Tumbes Trommelgrollen>

Spätestens jetzt wird dem Betrachter klar, dass die Gebrüder - möglicherweise infolge übermäßigen Alkoholkonsums im Laufe eines Besuchs des so nahe der Weserstadt abgehaltenen Reichserntedankfests - auf die Bewegung des als solcher so erfolglosen Malers Adolf H. anspielen, welcher in besagtem Jahr mit einer Schar Gesinnungsgenossen Fackeln und Fahnen tragend durch ein Stadttor der fernen Hauptstadt zog, und somit den in seiner Profession weitaus erfolgreicheren und an eben diesem Tor wohnhaften Maler Max Liebermann in Betrachtung der Geschehnisse - des "großen Wiederaufstiegs" - den so treffenden Ausruf entlockte:
„Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte."
<Stille>

Diesen Worten ist auch heute nichts hinzuzufügen. Ob das Kunstwerk den Gebrüdern K. Glück brachte, ist nicht überliefert. Der "große Wiederaufstieg" dauerte nicht die angedrohten tausend Jahre, öffnete hingegen die Büchse der Pandora über Europa. Darob muss jeder Humor versagen.

Mittwoch, 27. August 2014

20 Jahre Intelligence Crew

20 Jahre Intelligence Crew 

Nach aufwendiger Recherche ist es uns gelungen, den ehemaligen Besitzer des seit 1995 nicht mehr existenten und damals einzigen EDV-Ladengeschäfts eines seit 1975 eingemeindeten Vororts einer unbedeutenden niederrheinischen Großstadt aufzufinden. Rentner Erwin K. betreibt heute aus einem alten und in bereits abblätterndem Laubgrün lackierten DKW Schnellaster heraus eine Imbissbude auf dem Parkplatz neben der evangelischen Güterstation in Kalkar. Erwin K. ist einer der letzten Zeitzeugen, der die Anfänge der zu Recht so unbekannt gebliebenen Demogruppe Intelligence Crew hautnah miterleben durfte, und weiß uns zu berichten:

"Ja, Günter, bin gleich bei Dir, einen Moment, ich geb den Jungs gerad noch'n Interview. Wat soll ich sagen, dat Schnitzel Mailand kostet aber vierachtzich. N' Pilsken dabei?"

Wir weisen Erwin K. freundlich darauf hin, dass das von uns bestellte Schnitzel Mailand auf einem an der fettigen Rückwand des DKW prangenden und daher ohne Zutun von Klebeband haltendem Schild mit 4,20 Euro beworben wird. Der etwas untersetzte Imbissbudenbesitzer antwortet daraufhin schmunzelnd:
"Ach nee, da hab ich mich wohl wieder vertan. Kost vierachtzich. Ja, mit dem Computerladen, dat war ne schöne Zeit. Rechner im Ort an die ahnungslosen Kleinbetriebe verkloppt, bis Escom, Vobis und Comtech in der Innenstadt die Preise kaputtmachten. Da war vorbei."

Wie hat er die Zeit erlebt, als die beiden neunzehnjährigen Abiturienten, die man heute selbst unter ihren Alias Slartibartfast und Blastermaster nicht mehr kennt, schüchtern seinen Laden betraten, um ihm die auf einer Diskette mitgebrachte IC-Demo anzubieten.
"Hörn'se, da standen eines Tages, war wohl so September 94, die beiden Typen da im Laden. Der eine war so'n Unrasierter, der trug'n Iron Maiden-Shirt und kaputte Jeans. Der andere war so'n bisschen ruhiger Pummeliger mit Brille, dem wohl noch die Mutter die Klamotten kaufte. Kann ich nich' haben, sowas. Und dann der bescheuerte Name von die beiden, irgendwas mit Intelligenz! Haha! Drückten mir die Diskette in die Hand, wär'n Demo drauf oder sowas, sollte ich vorne im Fenster zeigen. Die war'n darauf echt stolz, aber ich hab da eh nich' reingeguckt. Die ham was von Assembly in Helsinki und so erzählt, aber wat hab ich denn mit Thailand zu tun?"

Mit einem wissenden Lächeln versuchen wir uns vorzustellen, dass dieser unscheinbare Imbissbudenbesitzer damals den Lauf der Geschichte hätte ändern können, wenn er den bescheidenen Wunsch der beiden Hobbyprogrammierer erhört hätte. Ob er hätte erahnen können, dass der so progressive Minimalismus der vergessenen IC-Demo heute in einem Atemzug mit Bauhaus und dem deutschen Werkbund genannt wird?

"Nee, is klar. Früher, also ganz früher, da war ich ja auch mal Koch. Also, wenn Ihr mal'n eingelechtes Schteg mit Zwiebel ham wollt, ruft einen Tag vorher an. Dann mach ich Euch dat so rischtig lecker."
Freundlich lächelnd lehnen wir das Angebot gedanklich ab und lassen unauffällig die Reste des Schnitzels Mailand sowie den dieses begleitenden und mit ein wenig Pommes Frites drapierten Berg Mayonnaise in den am DKW lehnenden blauen Müllsack verschwinden.

"Den einen Pummeligen, den hab ich dann vor ein paar Jahren da in Oberhausen auf'm Konzert von Iron Maiden gesehen. Wat aber mit dem anderen is, keine Ahnung, der war nich dabei."
Die Wege der beiden so enthusiastisch gestarteten Nerds der Intelligence Crew verloren sich nach 1994 alsbald in den Weiten der Arbeitswelt; in Weiten, wie sie bereits prophetisch das dreidimensionale Sternenfeld der bisher noch nie gepriesenen IC-Demo zeigte, während unter Einfluss von Tabakqualm und Gerstensaft entstandene Zeilen wie "Intel rules the world" in sanfter Bewegung im von Slartibartfast liebevoll in Deluxe Paint 2 gezeichneten Schriftfont über den unteren Rand des in 360 mal 480 Pixeln dargestellten VGA-Bildschirminhalts scrollten. 20 Jahre Intelligence Crew wollen gewürdigt werden.
"Hör mal, dat Bier kost aber zwofuffzich."
Hmm, auf dem Schild stehen 2 Euro für das kleine König Pilsener, geben wir mahnend zu bedenken. Rentner Erwin K. lächelt milde. Während er weiterhin seine karge Rente durch tatkräftigen Einsatz im Gastronomiebereich aufbessert, denken wir an die unsere Protagonisten aus der Demoszene, deren Teil zu werden ihnen nie vergönnt war. Was hätte alles passieren können, wäre das im 286er Maschinencode hastig programmierte Meisterwerk im unscheinbaren Schaufenster des kleinen Computerkrauters dargeboten worden. Wir werden es leider nie erfahren.
"So Günter, nu hab ich Zeit. Wieder Tschevapschischibrötchen mit nem Kurzen dabei?"