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Mittwoch, 27. August 2014

Die Personenwaage


Erst kürzlich versprach ich, über eine öffentliche Personenwaage zu berichten, welche in der österreichischen Donaumetropole zu finden ich das Glück besaß. Nach solch gestelztem Wortlaut folgt nun ohne weitere Umschweife der versprochene Artikel.

 <Fanfaren>

Die Kunstgalerie Wekeln präsentiert: 100 Meisterwerke.
Heute: "Die Personenwaage", Farbfoto, Canon Powershot S5, ISO 400, Österreich 2014.

<Avantgardistische Klaviermusik>
"Bitte nur einzeln betreten."
Diese mahnenden Worte könnte ein wohlgesonnener Betrachter ihr, der dem flachen Kalauer vielleicht gar nicht abgeneigten öffentlichen Personenwaage, welche an der Doppelhaltestelle "Kärntner Ring, Oper" der Wiener Linien zu finden ist, andichten. Der modernen Zeit trotzend steht sie stählern an der Schnellstraße, dem vom schnellen Vorbeirauschen der Benzindroschken ausgehenden Drang zur raschen Fortbewegung eisern widerstehend. Der traurige Blick des im runden Anlitz ihrer analogen Anzeige vermeintlich erkennbaren Gesichts spricht Bände: Sie ist eine der letzten ihrer Art und sich dessen nur allzu sehr bewusst. Der zu solch fantastischen Gedanken befähigte Betracher mag in der Welt seiner Vorstellung voranschreiten und somit überrascht zur Erkenntnis gelangen, dass die Waage unterhalb des Rundes eine metallene Krawatte zu tragen scheint, gleich dem schwarz tragenden Beiwohner eines Begräbnisses auf dem Zentralfriedhof. Doch so schnell der beunruhigende Gedanke gekommen ist, so schnell ist dieser wieder verflogen. Zum Kondolieren ist es noch zu früh.



"Werfen Sie eine Münze ein!"
Keck ragt unsere Personenwaage oberhalb der Stirn ein munteres Schild in die Höhe: "Wirf mir bitte eine Münze ein!" - ein solcher Kerkelingscher Solözismus lädt uns mit heiterem Lachen ein, die Geschichte voranzutreiben, wirft geradezu drängend die Frage auf, was denn geschehen wird, sobald einer der achtlos vorbeihastenden Passanten der Verlockung erlegen und eine abgewetzte 20 Cent Münze in den dafür vorgesehenen Schlitz geworfen hat. Die Regeln fachgerechter Benutzung werden nicht in schriftlicher Form am Rumpf des feinmechanischen Wunderwerks kundgetan und bleiben somit im Verborgenen, dennoch wäre es vorstellbar, dass nach dem Betreten - nur einzeln betreten! - des prominenten Podests eine Maschinerie in Gang gesetzt wird, die den Vergleich mit dem Schachtürken des Wolfgang von Kempelen nicht zu scheuen braucht.

<Dramatische Klaviermusik>

Nach schier endlos erscheinenden Sekunden kommt die flirrende Bewegung des metallenen Zeigers hinter dem Glas zum Erliegen, spöttisch grinsend verkünden die analogen Anzeigen das so gefürchtete Resultat: 120 Kilogramm! Wurde der Aufforderung einzelnen Betretens womöglich nicht Folge geleistet? Oder waren es letzten Endes doch Pizzazunge und lockender Zuckertrank des nur fünf kurze Schritte weit entfernt gelegenen Schnellimbisses, die nun Zeugnis kalorienreicher Kumpanei ablegen? Zu allem Verdruss ist der Wagemutige, welcher sich beim Betreten des Podests bereits auf Iwojima das Sternenbanner hissen sah, in seiner Ernüchterung ungeschützt den feixenden Blicken vorbeihuschender Zeitgenossen ausgesetzt. Die ersehnte Rettung naht in Form der mit quitschenden Bremsen zum Stehen kommenden Linie 62.

<Adagio>
 
Die roten Rücklichter des sich bereits in rascher Geschwindigkeit entfernenden Gelenktriebwagens des Typs Mannheim vermischen sich mit dem leuchtenden Rot des Sonnenuntergangs, dessen warme Strahlen am Metallkörper der nun wieder einsam dastehenden Personenwaage reflektieren. Der Zeiger ist erneut stumm gen Boden gerichtet. Dem Betrachter verbleibt es, sich nun verschämt einzugestehen, dass eine solch schicksalhafte Dramatik hervorzurufen dem kalten Glimmen nüchterner digitaler Anzeigen auf ewig verwehrt bleiben wird. Derartiges Werk ist allein der silbrig mäandrierenden Schönheit analoger Instrumente vorbehalten, dem nahe der Waage stehenden und wie ein Fremdkörper anmutenden Fahrkartenautomaten darob nicht vergönnt.

Dem Künstler B. hat sein Werk nicht das verhoffte Glück gebracht. Im Überschwang seiner Freude über das geschaffene Bildnis versäumte er die letzte Straßenbahn und musste alsdann zu Fuß den Heimweg in die ferne niederrheinische Heimat antreten.

 <Leichtes Geklimper, Klaviermusik verstummt>

20 Jahre Intelligence Crew

20 Jahre Intelligence Crew 

Nach aufwendiger Recherche ist es uns gelungen, den ehemaligen Besitzer des seit 1995 nicht mehr existenten und damals einzigen EDV-Ladengeschäfts eines seit 1975 eingemeindeten Vororts einer unbedeutenden niederrheinischen Großstadt aufzufinden. Rentner Erwin K. betreibt heute aus einem alten und in bereits abblätterndem Laubgrün lackierten DKW Schnellaster heraus eine Imbissbude auf dem Parkplatz neben der evangelischen Güterstation in Kalkar. Erwin K. ist einer der letzten Zeitzeugen, der die Anfänge der zu Recht so unbekannt gebliebenen Demogruppe Intelligence Crew hautnah miterleben durfte, und weiß uns zu berichten:

"Ja, Günter, bin gleich bei Dir, einen Moment, ich geb den Jungs gerad noch'n Interview. Wat soll ich sagen, dat Schnitzel Mailand kostet aber vierachtzich. N' Pilsken dabei?"

Wir weisen Erwin K. freundlich darauf hin, dass das von uns bestellte Schnitzel Mailand auf einem an der fettigen Rückwand des DKW prangenden und daher ohne Zutun von Klebeband haltendem Schild mit 4,20 Euro beworben wird. Der etwas untersetzte Imbissbudenbesitzer antwortet daraufhin schmunzelnd:
"Ach nee, da hab ich mich wohl wieder vertan. Kost vierachtzich. Ja, mit dem Computerladen, dat war ne schöne Zeit. Rechner im Ort an die ahnungslosen Kleinbetriebe verkloppt, bis Escom, Vobis und Comtech in der Innenstadt die Preise kaputtmachten. Da war vorbei."

Wie hat er die Zeit erlebt, als die beiden neunzehnjährigen Abiturienten, die man heute selbst unter ihren Alias Slartibartfast und Blastermaster nicht mehr kennt, schüchtern seinen Laden betraten, um ihm die auf einer Diskette mitgebrachte IC-Demo anzubieten.
"Hörn'se, da standen eines Tages, war wohl so September 94, die beiden Typen da im Laden. Der eine war so'n Unrasierter, der trug'n Iron Maiden-Shirt und kaputte Jeans. Der andere war so'n bisschen ruhiger Pummeliger mit Brille, dem wohl noch die Mutter die Klamotten kaufte. Kann ich nich' haben, sowas. Und dann der bescheuerte Name von die beiden, irgendwas mit Intelligenz! Haha! Drückten mir die Diskette in die Hand, wär'n Demo drauf oder sowas, sollte ich vorne im Fenster zeigen. Die war'n darauf echt stolz, aber ich hab da eh nich' reingeguckt. Die ham was von Assembly in Helsinki und so erzählt, aber wat hab ich denn mit Thailand zu tun?"

Mit einem wissenden Lächeln versuchen wir uns vorzustellen, dass dieser unscheinbare Imbissbudenbesitzer damals den Lauf der Geschichte hätte ändern können, wenn er den bescheidenen Wunsch der beiden Hobbyprogrammierer erhört hätte. Ob er hätte erahnen können, dass der so progressive Minimalismus der vergessenen IC-Demo heute in einem Atemzug mit Bauhaus und dem deutschen Werkbund genannt wird?

"Nee, is klar. Früher, also ganz früher, da war ich ja auch mal Koch. Also, wenn Ihr mal'n eingelechtes Schteg mit Zwiebel ham wollt, ruft einen Tag vorher an. Dann mach ich Euch dat so rischtig lecker."
Freundlich lächelnd lehnen wir das Angebot gedanklich ab und lassen unauffällig die Reste des Schnitzels Mailand sowie den dieses begleitenden und mit ein wenig Pommes Frites drapierten Berg Mayonnaise in den am DKW lehnenden blauen Müllsack verschwinden.

"Den einen Pummeligen, den hab ich dann vor ein paar Jahren da in Oberhausen auf'm Konzert von Iron Maiden gesehen. Wat aber mit dem anderen is, keine Ahnung, der war nich dabei."
Die Wege der beiden so enthusiastisch gestarteten Nerds der Intelligence Crew verloren sich nach 1994 alsbald in den Weiten der Arbeitswelt; in Weiten, wie sie bereits prophetisch das dreidimensionale Sternenfeld der bisher noch nie gepriesenen IC-Demo zeigte, während unter Einfluss von Tabakqualm und Gerstensaft entstandene Zeilen wie "Intel rules the world" in sanfter Bewegung im von Slartibartfast liebevoll in Deluxe Paint 2 gezeichneten Schriftfont über den unteren Rand des in 360 mal 480 Pixeln dargestellten VGA-Bildschirminhalts scrollten. 20 Jahre Intelligence Crew wollen gewürdigt werden.
"Hör mal, dat Bier kost aber zwofuffzich."
Hmm, auf dem Schild stehen 2 Euro für das kleine König Pilsener, geben wir mahnend zu bedenken. Rentner Erwin K. lächelt milde. Während er weiterhin seine karge Rente durch tatkräftigen Einsatz im Gastronomiebereich aufbessert, denken wir an die unsere Protagonisten aus der Demoszene, deren Teil zu werden ihnen nie vergönnt war. Was hätte alles passieren können, wäre das im 286er Maschinencode hastig programmierte Meisterwerk im unscheinbaren Schaufenster des kleinen Computerkrauters dargeboten worden. Wir werden es leider nie erfahren.
"So Günter, nu hab ich Zeit. Wieder Tschevapschischibrötchen mit nem Kurzen dabei?"